Das Watterbacher
Haus

Der Name Watterbach wurde durch das Watterbacher Haus in alle Welt
getragen. Die Existenz des Gebäudes ist von großer Bedeutung
und von hohem kunsthistorischen Wert. Damit wird der Nachweis erbracht,
dass im Bereich des Odenwaldes im ausgehenden Mittelalter ein Hausbau
vorherschte, der rein den Firstständerbau verkörperte.
Es ist ein typisches Beispiel der mittelalterlichen großen
Wohn-Stall-Häuser, das heißt, Tiere und Menschen lebten
unter einem Dach. Das Haus ist etwa um 1475 erbaut worden. Das wurde
festgestellt aufgrund der Bauweise, die sich später veränderte
und durch den Vergleich mit den Jahresringen im Bauholz, die eine
fast exakte Bestimmung zulassen. Auch wenn am Kellersturz die Jahreszahl
1601 stand, ist das Gebäude viel älter. Der Keller wurde
wahrscheinlich nachträglich 1601 eingebaut.
Der Hauskörper besitzt mit den beiden Giebelwänden fünf
Querwände. In jeder Querwand stehen 7 Ständer, die bis
ins Dach reichen und an ihren Enden die 7 Dachpfetten tragen. Das
Haus besitzt also 35 Ständer. Alle senkrechten Ständer
sind mit allen waagrechten Wandhölzern an den Überkreuzungsstellen
geblattet. Das Watterbacher Haus ist der älteste Firstständerbau
im bayrischen Odenwald.
Jahrhundertelang stand es am Orteingang von Watterbach, nähe
Gasthaus Lenk. 1958 baute der damalige Besitzer Robert Haas daneben
ein neues Wohnhaus. Das alte sollte abgerissen werden, und als man
die Holzschindeln und den Verputz entfernte, entdeckte man die historische
Ständerbauweise. Wegen der fast allseitigen Verschindelung
war die klare und schöne Fachwerkkonstruktion und damit auch
das hohe Alter bis dahin verborgen geblieben.
Nun entstanden Pläne, den Bau in ein rheinisches Freilichtmuseum
zu überführen. Dann aber schalteten sich bayrische Stellen
ein und verhinderten die "Entführung" des Hauses.
Der Landkreis Miltenberg kaufte 1962 das Haus. Mit Mitteln des Landesamtes
für Denkmalpflege, des Bezirkes Unterfranken und des Landkreises
Miltenberg wurde es in Watterbach abgebaut und die einzelnen Bauteile
nach Breitenbach überführt, wo es neben der Kirche wieder
aufgebaut wurde. Dies geschah in den Jahren 1965/66. Vieles war
schadhaft und mußte durch andere alte Balken ergänzt
werden, z.B. aus der alten Mühle in Ottorfszell und Weckbach.
Nachdem von Zimmerleuten die Balkenkonstruktion (siehe Bild) errichtet
worden war, kamen Handwerker aus Norddeutschland, die ein Schilfdach
eindeckten, im Odenwald gab es früher nur solche Dächer.
Die Maurer mußten nach einem alten Verfahren Lehm und gehächseltes
Stroh vermischen und auf das Holzgeflächt aufbringen. Eine
mühevolle Arbeit, die bis zu 200000,-DM verschlungen hat.
Und doch stand das Haus nicht am richtigen Fleck. Breitenbach war
völlig menschenleer. Kein Mensch wohnte dort, seit 1974 der
letzte Einwohner verstorben war. Auf der Gemeinderatsitzung am 7.2.1979
in Kirchzell wurde heiß diskutiert über den neuen Standort
des Watterbacher Hauses. Als neuer Standort wurden ein mittelfränkisches
Freilichtmuseum bei Bad Windsheim, Watterbach, Breitenbach oder
Preunschen genannt. Für letzteres entschied man sich.
So wurde das Haus 1981 zum 2. mal abgebaut und am Ortseingang von
Preunschen wieder aufgebaut. Leider mußten einige Balken erneuert
werden und das Dach wurde diesmal mit Ziegeln eingedeckt. Die Versetzung
nach Preunschen war mit dem Ziel verbunden, ein Museum darin einzurichten.
Anfänglich dachte man an ein land - und forstwirtschaftliches
Museum. Von diesem Gedanken kam man aber wieder ab, da zum einen
der Bereich Landwirtschaft im Odenwald im nur wenigen Kilometer
entferntem Freilandmuseum Gottersdorf in ausreichender Form präsentiert
wird. Zum anderem wollte man ein Schwerpunktthema setzen. Für
die Gemeinde Kirchzell bot sich der Wald als ein Thema an, denn
das Leben der Menschen in dieser Gegend war noch bis nach dem 2.Weltkrieg
aufs engste mit dem Wald verknüpft.
So entstand im Watterbacher Haus ein Waldmuseum.
Vom Museumsgedanken bis zur tatsächlichen Konzeption und Ausführung
war ein langer Weg zurückzulegen. Mit der Finanzierung der
laufenden Kosten für den künftigen Museumsbetrieb wäre
eine strukturschwache Gemeinde wie Kirchzell überfordert gewesen.
Nach langen Verhandlungen und durch großes Engagement des
jetzigen Bürgermeisters Ludwig Scheurich wurde 1993 folgende
Lösung gefunden:
Der Bezirk Unterfranken, der Landkreis Miltenberg, der Markt Kirchzell
und der Förderkreis Watterbacher Haus teilen sich im Rahmen
einer Zweckvereinbarung die Betriebskosten. Die weitere künftige
wissenschaftliche Betreuung übernimmt das Freilandmuseum Fladungen,
während die Geschäftsleitung und organisatorische Verwaltung
beim Markt Kirchzell liegt.
Somit hat die Gemeinde Kirchzell erstmals ein Museum zu bieten.
In zwei Etagen verteilt werden auf 200 Quadratmetern eindrucksvoll
folgende Themen präsentiert: die Geschichte des Gebäudes,
die forstgeschichtliche Entwicklung seit dem Mittelalter, die Nutzung
des Waldes, Werkzeuge und Geräte, Jagt, von der Samengewinnung
bis zur Holzernte u.v.m. Der Markt Kirchzell organisiert Führungen,
die Termine können aus der Tageszeitung entnommen werden oder
sind im Rathaus Kirchzell nachzufragen. Ein Besuch lohnt sich, schauen
Sie doch mal vorbei. Nach dem Museumsbesuch kann man noch eine kleine
Wanderung zur staufischen Burgruine Wildenburg unternehmen, die
vom Museum aus in einem etwa zwanzig minütigem Fußmarsch
zu erreichen ist.
Infos hierzu gibt es im Rathaus Kirchzell unter der Nummer: 09373/9743-0
oder im Internet unter www.kirchzell.de.
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